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Bonnet-Syndrom: Harmlose Trugbilder

Menschen mit starker Sehschwäche leiden oft unter Halluzinationen. Manche Betroffene denken deshalb, sie seien verrückt. Was steckt hinter den Phantombildern?
von Christian Krumm, 11.01.2018

Trugbild durch optische Täuschung: Hier könnte man meinen, auf dem Rücken des Pferdes im Vordergrund steht ein Miniaturpferd

plainpicture GmbH & Co KG/David Carreno Hansen

Als Albert K. eines Tages seinen üblichen Spaziergang machte, staunte er nicht schlecht. Da standen tatsächlich zwei baugleiche Oldtimer auf der anderen Straßenseite. So ein Modell hatte er in jungen Tagen auch.

Autofahren kann er heute nicht mehr: Der 64-jährige Münchner ist an einer Makuladegeneration erkrankt. Doch bei dem, was er da erblickte, war ihm klar, dass mit seiner Wahrnehmung irgendetwas nicht stimmt.

Überall bunte kleine Männchen

Obwohl K. krankheitsbedingt nicht mehr scharf sehen kann, bemerkte er meist in der Dämmerung immer wieder bunte kleine Personen und auch Tiere, die sich vor seinen Augen bewegten, teilweise verzerrte Gesichter hatten oder grinsten, aber nie etwas sagten und wieder verschwanden, oft erst nach Stunden. An weißen Wänden sah K. Blumen, Lampen oder abstrakte geometrische Figuren, die sich oft auch vermehrten.

Schweigen aus Angst

Er wusste, dass das alles nicht real war. Doch er hatte Angst, seiner Familie davon zu erzählen, geschweige denn zum Arzt zu gehen. War er verrückt geworden?

"So denken viele sehgeschwächte Patienten, die solche Halluzinationen haben", weiß Professor Wolfgang Heide aus Celle, Spezialist für Neuroophthalmologie bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Das Phänomen betrifft insbesondere Menschen mit ausgeprägter Sehschwäche.

Zahlreiche Auslöser

Ursachen dafür sind beispielsweise Trübungen der Augenlinse, Makuladegeneration, diabetische Netzhauterkrankung oder Schlagan­fälle im Sehzentrum des Gehirns. Je nach zugrunde liegender Erkrankung sollen bis zu 57 Prozent der Betroffenen hin und wieder Dinge, Menschen oder geometrische Figuren sehen, die gar nicht da sind.

Augenärzte kennen zwar das Problem, vergessen aber oft, ihre Patienten darauf hinzuweisen, dass möglicherweise Phantombilder auftreten können. Der Schweizer Forscher Charles Bonnet beschrieb das Syndrom im 18. Jahrhundert erstmals, nach ihm ist es benannt.

Gehirn verschaltet Nerven neu

Heute weiß man, dass auch Menschen mit starker Hörschwäche akustische Trugwahr­nehmungen haben können. Sie hören bekannte oder unbekannte Musik, obwohl es um sie herum vielleicht mucksmäuschenstill ist.

Erklären lässt sich das Charles-Bonnet-Syndrom mit der Eigenschaft des Gehirns, die Nervenzellen nach Bedarf neu zu verschalten. "Wenn ein bestimmter Hirnteil – wie etwa das Sehzentrum, die sogenannte Seh­rinde im Hinterhauptslappen – aufgrund einer Erkrankung der Sinnesorgane, zum Beispiel der Augen oder der Sinnes­nerven, nicht mehr genug Sinnes­­informationen erhält, werden die Verknüpfungen umfunktioniert", erläutert Neurologe Heide. Zudem passiere es mitunter, dass die betroffenen Hirna­­reale in der Sehrinde plötzlich eine gewisse Eigenaktivität entwickeln. Das könne die Halluzinationen produzieren.

Tabletten als Unterstützung

Manche Patienten fühlen sich durch das Syndrom massiv gestört. Wenn ihnen eine Erklärung des Phänomens nicht genügt, stellen medikamentöse Maßnahmen manchmal eine Option dar. Weil manche epileptische Anfälle ähnliche Symptome zeigen, könne im Einzelfall eine Behandlung mit Arzneimitteln aus der Gruppe der Antiepileptika helfen.

Deutlich häufiger wirken aber bestimmte Anti­depressiva gegen die Halluzina­tionen. "Vor allem für die akus­tischen Phänomene haben Anti­depressiva die beste Wirkung gezeigt", sagt Wolfgang Heide. Er rät Betroffenen zu einer Unter­suchung bei einem Neurologen und Psychiater.

Um eine psychische Erkrankung handele es sich beim Charles-Bonnet-­Syndrom ­jedoch nicht. Wichtig sei aber eine Diagnose möglicher Begleiterkrankungen. Vor allem zeigen auch ältere Menschen mit beginnender Demenz oft entsprechende Halluzinationen, die auf einer Seh- oder Hörschwäche beruhen. Dann kann sich ein Behandlungs­­versuch mit Medikamenten gegen Demenz­erkrankungen lohnen, um die lästigen Trugwahrnehmungen zu unterdrücken.

Mit den Trugbildern umgehen

In vielen Fällen verschwinden die Phantombilder im Lauf der Zeit, weiß Reha-Fachlehrer Claus Bernhard aus Jersbek. Er beschäftigt sich schon lange mit dem Bonnet-Syndrom, weil er sowohl in der eigenen Familie als auch beruflich damit zu tun hatte. Er rät Betroffenen, sich das Problem bewusst zu machen, auf das Trugbild zuzugehen und zu versuchen es anzufassen. "Dann löst es sich auf", sagt Bernhard.

Es gebe aber auch Betroffene, die mit den Erscheinungen gut zurechtkommen. Etwa die Frau, die auf der Fahrt von Lübeck nach Bremen den Blick auf die Burgen des Rheintals ganz bewusst genießen konnte. So will es Albert K. künftig ebenfalls machen: Er freut sich insgeheim schon darauf, nächstes Mal wieder Oldtimer zu sehen.



Bildnachweis: plainpicture GmbH & Co KG/David Carreno Hansen

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